Pally66 - Meine Gedichte.

gereimtes & ungereimtes
 
 

M o l l y

Im Hinterhaus, gegenüber unserer Wohnung, da wohnte sie: unsere Molly. Sie war eine betagte ältere Dame, nicht extravagant aber adrett gekleidet und meistens in dunklen Farbtönen. Das einzige, was an ihr auffiel, waren ihre schneeweißen Haare, zu Löckchen gedreht.
Molly, wir Kinder nannten sie so, weil sie eine nicht gerade schlanke Figur hatte, wohnte in der untersten Etage. Sie war nicht mehr so gut zu Fuß und das Treppensteigen fiel ihr sichtlich schwer. Traf man sie, hatte sie immer ein paar freundliche Worte. Manchmal huschte ein verschmitztes Lächeln über ihre Lippen und ihre Augen versprühten einen jugendlichen Glanz.
Uns Kindern schenkte sie so dann und wann einige Bonbons oder Schokolade. Hin und wieder auch ein paar selbstgebackene Kekse, die wir dann genußvoll verspeisten. Als Dank dafür , versuchten wir nach Möglichkeit leise zu spielen, was uns natürlich selten gelang. Aber Molly sah es gelassen; nahm es mit Humor. Mit einem Augenzwinkern meinte sie nur, dass die Nacht lang genug zum Schlafen wäre, da brauchte man den Tag nicht dazu. Leider teilten nicht alle Hausbewohner diese Ansicht.
Von Zeit zu Zeit saß Molly nur am Fenster, blickte gedankenverloren zu uns in den Hof und beobachtete unser spielerisches Treiben. Winkten wir ihr zu, winkte sie lächelnd zurück. Ihre gütigen Augen hatten trotzdem alles im Blick.
Fast jeden Mittag, wenn wir aus der Schule kamen, sahen wir Molly im Nebenhaus beim Treppefegen. Diese Treppe, bestehend aus drei Steinstufen, war das Einzige, was noch erhalten geblieben war, denn das übrige Gebäude war nur noch eine Ruine aus vergangenen Zeiten. Uns Kindern hatte man schon verboten, dort zu spielen, wegen der Einsturzgefahr. Obwohl es uns doch immer wieder reitzte, uns dort zu verstecken. Molly aber fegte behaarlich jeden Mittag diese Treppe. Warum sie das tat, war uns schleierhaft. Wir mochten auch nicht nachfragen. Stattdessen machten wir uns lustig über sie, neckten sie und trieben unsere Späße.
Später erfuhren wir, dass sich in diesem Haus, in dem Molly vor vielen Jahren als Hausmädchen gearbeitet hat, eine grausame Tragödie ereignet hat. Sie muß es wohl hautnah mit angesehen haben, sodass sie dieses Ereigniss nie so richtig verarbeiten konnte. Denn in ihren Gedanken war sie immer noch dort beschäftigt.
Eines Nachmittags, als wir wieder im Hof spielten und befürchteten, daß wir zu laut sein könnten, vermißten wir unseren einzigen Zuschauer. Erst am Abend hörten wir von den Eltern, dass die alte Dame heute morgen von einem Notarztwagen abgeholt wurde. Tränen stiegen uns in die Augen: unsere Molly - fort . Man munkelte, dass sie wohl nie wieder käme.
Tatsächlich sahen wir Molly nie wieder.

 

 

 


25.2.19 19:21

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bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


maggie (26.2.19 08:54)
...
Drei Stufen hinab
Hinauf in Erinnerung
Des rauen Herzens.

LG Maggie


PP (2.3.19 19:33)
Traurig, empathisch, menschlich, mitfühlend, grandios ..

Maggie schreibt gute Haikus, die zum Thema passen.

Wo bin ich hier? Im siebten Lyrikhimmel? Wundervoll.


PP (2.3.19 19:38)
Wo bleiben Mausifreddy und Rattiherbert? Ich vermisse die beiden ..

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